Krieg und Frieden
Thore Volquardsen: Die Logik des Krieges - Über Angst, Macht und die Kultur der Wiederholung
Thore Volquardsen: Die Logik des Krieges - Über Angst, Macht und die Kultur der Wiederholung

Band 1:

 

Die Logik des Krieges -

Über Angst, Macht und die Kultur der Wiederholung

 

Taschenbuch

262 Seiten

 

Autor: 

Thore Volquardsen

 

Verlag:

Volquardsen Verlag

Essays zu Mensch, System und Gesellschaft 

 

Preis: 15,00 Euro

 

lieferbar



Leseprobe

Feld 4 - Der kulturelle Urboden

Der kulturelle Urboden

Aneignung, Misstrauen und die nachträgliche Erfindung des Rechts

Bevor es Kriege gibt, gibt es Muster.
Bevor es Fronten gibt, gibt es Gewohnheiten.
Bevor es Ideologien gibt, gibt es Entscheidungen – oft klein, oft still, oft aus innerer Not heraus.

Der kulturelle Urboden, auf dem Konflikte, Gewalt und später Kriege wachsen, ist kein einzelner Gedanke und kein isoliertes Fehlverhalten. Er ist ein Geflecht. Ein sich selbst stabilisierendes System aus Angst, Aneignung, Rechtfertigung und kollektiver Bestätigung. Niemand steht vollständig außerhalb dieses Geflechts.

Man kann ihn in mehreren Grundbewegungen beschreiben, die sich immer wieder gegenseitig verstärken.

1. Menschen nehmen sich, was sie wollen – aus Angst, Mangel und Gier

Am Anfang steht selten Bosheit.
Am Anfang steht häufig Angst.

Angst, nicht genug zu haben.
Angst, zu kurz zu kommen.
Angst, unterzugehen, wenn andere schneller, stärker oder skrupelloser sind.

Aus dieser Angst entsteht das Gefühl von Mangel – unabhängig davon, ob objektiv ein Mangel besteht. Und aus dem Mangel erwächst der Impuls der Aneignung: Ich nehme, bevor mir etwas genommen wird.

Was hier beginnt, ist noch keine Ideologie. Es ist eine existentielle Bewegung. Sie ist tief im Nervensystem verankert und deshalb so wirksam. Gier ist dabei oft nicht der Ursprung, sondern das Resultat: ein dauerhaftes Mehr-Wollen, um die Angst vor dem Weniger-Haben zu betäuben.

2. Aneignung erzeugt Verteidigungszwang

Was ich mir genommen habe, muss ich halten.
Was ich halte, muss ich verteidigen.
Was ich verteidige, bindet Energie, Aufmerksamkeit und Aggression.

Aneignung schafft keine Ruhe. Sie schafft neue Abhängigkeiten.
Denn Besitz – materiell, territorial, kulturell oder symbolisch – macht verletzlich. Je mehr angeeignet wurde, desto größer wird die Angst vor Verlust.

So entsteht Misstrauen. Nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber der eigenen Legitimität. Verteidigung wird zur Dauerhaltung. Aus Handlung wird Struktur.

3. Illegales wird mit der Zeit legitimiert

Was einmal als Grenzüberschreitung begann, kann sich verfestigen.
Nicht durch Einsicht, sondern durch Dauer.

Je länger ein Zustand anhält, desto selbstverständlicher wirkt er. Das ursprünglich Illegitime verliert seinen Stachel, wenn es nicht mehr infrage gestellt wird. Aus dem Faktischen entsteht schrittweise das Normale.

Recht folgt dann nicht der Gerechtigkeit, sondern der Realität.
Nicht selten wird das Recht nachträglich so geformt, dass es bestehende Machtverhältnisse absichert.

4. Moral folgt oft dem Fakt

Was ist, wird begründet.
Was besteht, wird erklärt.
Was wirkt, wird moralisch eingeholt.

Moral ist in diesem Zusammenhang weniger ein innerer Kompass als ein Deutungsinstrument. Sie passt sich dem an, was bereits geschehen ist. Das schützt vor innerem Konflikt und kollektiver Verunsicherung.

So entsteht eine rückwirkende Sinngebung: Wenn es so ist, muss es wohl richtig sein.

5. Religion, Ideologie und Geschichte als Siegel der Richtigkeit

Damit diese Sinngebung trägt, braucht sie größere Erzählungen.
Religion, Ideologie und Geschichte liefern diese Erzählungen.

Sie geben Tiefe, Bedeutung und Transzendenz. Sie verwandeln Interessen in Aufträge, Macht in Berufung und Gewalt in Notwendigkeit. Was ursprünglich eine Entscheidung war, erscheint nun als Schicksal, Wille Gottes, historische Logik oder moralische Pflicht.

So wird das Bestehende nicht nur erklärt, sondern geheiligt.

6. Jede Kultur hält sich für im Recht

Aus all dem entsteht ein kollektives Selbstbild.
Ein Narrativ der eigenen Berechtigung.

Jede Kultur entwickelt Gründe, warum ihr Handeln notwendig, alternativlos oder sogar moralisch überlegen ist. Zweifel werden als Bedrohung erlebt, Kritik als Angriff. Das Eigene wird normalisiert, das Fremde problematisiert.

Nicht, weil Menschen böse sind – sondern weil Sicherheit gesucht wird.

Die Verschränkung: Verstrickung ohne Unschuld

Diese Punkte wirken nicht linear. Sie greifen ineinander.
Angst erzeugt Aneignung.
Aneignung erzeugt Verteidigung.
Verteidigung erzeugt Rechtfertigung.
Rechtfertigung erzeugt Moral.
Moral erzeugt kulturelle Gewissheit.
Und diese Gewissheit nährt neue Angst.

So entsteht eine Verstrickung, aus der niemand vollständig unschuldig herauskommt. Nicht Individuen, nicht Gruppen, nicht Nationen. Der kulturelle Urboden ist kein Ort der Schuldzuweisung, sondern ein Raum des Verstehens.

Er erklärt nicht alles.
Aber ohne ihn bleibt nichts verständlich.

 

 

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